Kategorie: Technikphilosophie

Wenn Cyborgs lieben

Ende Oktober 2020 ist das Buch „Maschinenliebe“ (Hrsg. Oliver Bendel) erschienen. Es enthält 16 Beiträge international renommierter Expertinnen und Experten. Der Beitrag „Posthumane Cyborgliebe“, der von Dr. Melike Şahinol stammt, wird im Abstract so zusammengefasst: „In diesem Beitrag werden Mensch-Maschine-Verhältnisse der spezifischen Art, nämlich die der Cyborgliebe, aus einer soziologischen Perspektive diskutiert. Das Hauptaugenmerk liegt dabei darauf, die Anpassung des menschlichen Körpers an maschinelle Angebote im sexuellen Bereich aufzuzeigen. Dabei wird die technisch ver- und übermittelte Liebespraktik mit teledildonischen Maschinen fokussiert. Entsprechend sind die Fragen danach relevant, ob es sich bei der jeweiligen Anpassung um ein symbiotisches Verhältnis zwischen Mensch und Maschine handelt und ob bzw. wann man von Cyborgliebe sprechen kann. Denn auch wenn dies noch futuristisch anmutet, werden bei der Fülle und Weiterentwicklung von liebes- bzw. sexualitätsdinglichen Angeboten posthumanistische Tendenzen deutlich, die der romantischen Liebe, auf die das Konzept der Kernfamilie als zentraler Institution der Gesellschaft aufgebaut ist, den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheinen. Liebe, so lautet die Hauptthese, stellt im posthumanen Zeitalter keine bloß soziale, sondern eine sozio-bio-technische Beziehung dar – vor allem dann, wenn es sich um die Liebe zu und mit Maschinen handelt.“ Das Buch kann über Springer bezogen werden. Wer einen Zugang zu SpringerLink hat, kann es kostenlos herunterladen.

Abb.: Wenn Cyborgs lieben

Faktor Mensch

Die HMD – Praxis der Wirtschaftsinformatik mit dem Titel „Faktor Mensch“, die im Juni 2020 erschienen ist, widmet sich u.a. Machine Learning, Augmented und Virtual Reality sowie Wearables und Phänomenen wie Bio- und Bodyhacking. Aus dem Call for Papers: „Informationssysteme sind soziotechnische Systeme, die aus maschinellen und menschlichen Teilsystemen bestehen. Der Mensch spielt selbstverständlich in der Entwicklung und Anwendung von Informationssystemen eine große Rolle. Aber nicht nur dort. Durch die fortschreitende Digitalisierung und die damit verbundene, immer stärkere Durchdringung der Lebens- und Arbeitswelten mit IT sehen sich Forscher und Praktiker der Wirtschaftsinformatik heute mit vielfältigen ethischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen konfrontiert. Datenschutz und Informationssicherheit sind nur zwei Themen die zunehmend in allen Gesellschaftsschichten diskutiert werden.“ (CfP, HMD 333) Im Heft enthalten sind u.a. Beiträge von Sabine Pfeiffer, Sabrina Oppl, Kristin Weber und Oliver Bendel. Weitere Informationen über link.springer.com/journal/40702/57/3.

Abb.: Faktor Mensch

Die göttliche Maschine

Ein ehemaliger Google-Mitarbeiter, Anthony Levandowski, hat eine Bewegung gegründet, „Way of the Future“ genannt. Die Maschine (bzw. die künstliche Intelligenz) wird zu einem Gott gemacht. Der Schritt des Experten für selbstfahrende Autos ist durchaus konsequent. Einige Firmen im Silicon Valley haben engen Kontakt zu den Kirchen. Sie lassen sich von ihnen beraten, wie man Menschen für sich gewinnt und von einer Sache überzeugt. Insbesondere sollen die Mitarbeitenden vorbehaltlos an das Unternehmen glauben, bei dem sie arbeiten. Aber auch an die Kunden richtet sich die Heilsbotschaft. Sie sollen vor allem an das Produkt glauben. Interessant ist, dass Rechte für die Maschinen bzw. die KI gefordert werden: „In ‚recent‘ years, we have expanded our concept of rights to both sexes, minority groups and even animals, let’s make sure we find a way for ‚machines‘ to get rights too.“ (Website WOTF) Diese Idee ist einige Jahrzehnte alt, und in Roboterethik und Technikphilosophie ist es nicht gelungen, dafür eine überzeugende Begründung zu finden. Maschinen haben nichts, was Rechte entstehen lassen könnte, etwa Empfindungs- und Leidensfähigkeit. Die Frage ist zudem, ob man Göttern Rechte zusprechen muss, oder ob sie sich diese, gerade wenn sie real sind, nicht einfach nehmen. Interessant ist auch, dass das Menschenwerk nicht wie in anderen Religionen geleugnet, sondern explizit gemacht wird: Die Erschaffung von Gott ist Programm.

Abb.: Die göttliche Maschine